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Warum Lästern vor allem Ihnen schadet – nicht den anderen

vor 2 Tagen
4 Min. Lesezeit

Seien wir ehrlich: Lästern fühlt sich gut an. Man rückt zusammen, ist sich einig, tauscht einen wissenden Blick. Für einen Moment steht man auf derselben Seite – und jemand anderes auf der falschen.


Genau darin liegt der Reiz. Und genau darin die Falle. Denn die Rechnung fürs Lästern bekommt selten der, über den gesprochen wird. Sie geht an Sie.

Nicht jedes Reden über andere ist Lästern

Über Menschen zu sprechen, die nicht im Raum sind, gehört zum Zusammenleben. Es kann sogar nützlich sein: Wir warnen einander vor unfairem Verhalten, sortieren, was in einer Gruppe als in Ordnung gilt, oder holen uns Rat, wie wir mit jemandem umgehen sollen.


Lästern ist etwas anderes. Beim Lästern geht es nicht darum, etwas zu verstehen oder zu klären, sondern darum, jemanden kleiner zu machen, der sich gerade nicht wehren kann.


Der Unterschied liegt also nicht im Thema, sondern in der Absicht: Will ich weiterkommen – oder will ich abwerten?

Warum wir es trotzdem tun

Lästern ist kein Charakterfehler, sondern erfüllt ganz menschliche Bedürfnisse:


  • Zugehörigkeit. Gemeinsam über Dritte zu urteilen schafft schnell ein Gefühl von „wir".

  • Ventil. Ärger, Kränkung oder Neid wollen irgendwohin.

  • Selbstwert. Wer andere kleinredet, steht daneben für einen Moment größer da.


Deshalb tut es fast jeder. Und deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was es tatsächlich bewirkt.


Der Kreislauf


Ärger, Kränkung oder Unsicherheit


↓


Lästern


↓


kurzer Zusammenhalt und Erleichterung


↓


der Ärger bleibt warm, das Misstrauen wächst


↓


beim nächsten Anlass ist die Schwelle niedriger


Was kurzfristig entlastet, wird so zur Gewohnheit. Und Gewohnheiten prägen, wie wir die Welt sehen.

Was Lästern mit Ihnen macht

Die Eigenschaften bleiben an Ihnen hängen.


Die Psychologie kennt dafür einen Begriff: spontane Eigenschaftsübertragung. Wer einen anderen als falsch, geizig oder unfähig beschreibt, wird vom Zuhörer unbewusst selbst ein Stück mit diesen Eigenschaften verbunden. Sie zeichnen ein Bild von jemand anderem – und malen dabei an Ihrem eigenen.


Der Ärger kühlt nicht ab, er wird warm gehalten.


Die Vorstellung, Dampf abzulassen würde Ärger abbauen, hält sich hartnäckig. Studien deuten eher aufs Gegenteil: Wer Ärger immer wieder ausspricht und durchkaut, bleibt länger ärgerlich. Man verlässt ein Lästergespräch selten ruhiger, als man hineingegangen ist.


Auch der Körper bleibt in Alarm.


Grübeln über Ärgernisse hält die Stressreaktion des Körpers länger aufrecht – auch dann, wenn der eigentliche Anlass längst vorbei ist. Ein einzelnes Lästergespräch schadet niemandem. Ein dauerhafter Grundton aus Groll und Abwertung ist dagegen eine stille, anhaltende Belastung.


Sie trainieren einen Blick für Mängel.


Wer regelmäßig nach dem Fehlerhaften an anderen sucht, übt genau das: suchen, vergleichen, bewerten. Dieser Blick macht vor niemandem halt. Am Ende auch nicht vor Ihnen selbst. Nicht selten ist die Stimme, die über andere urteilt, dieselbe, die innerlich auch mit uns hart ins Gericht geht.


Und ganz nüchtern: Wer erlebt, wie Sie über andere sprechen, fragt sich früher oder später, was Sie über ihn sagen, wenn er nicht dabei ist. Lästern stiftet Nähe – aber eine, der niemand ganz traut.

Typische Sätze

Lästern tarnt sich gern als etwas anderes:


„Ich sag ja nur, wie es ist."

„Das musste jetzt einfach mal raus."

„Das sieht doch jeder so."

„Ich lästere nicht – ich analysiere nur."

Der letzte ist der eleganteste. Er gibt der Abwertung den Anstrich von Klugheit.

Fragen, die weiterhelfen


Bevor Sie das nächste Mal einsteigen, lohnt eine kurze Prüfung:

  • Was ärgert mich hier eigentlich – und an wem?

  • Würde ich das auch sagen, wenn die Person danebenstünde?

  • Will ich etwas klären, oder will ich, dass mir jemand recht gibt?

  • Wie fühle ich mich nach solchen Gesprächen – leichter oder gereizter?

  • Worin erkenne ich mich vielleicht selbst in dem, was mich an der anderen Person so stört?

Was hilft

Den Moment davor bemerken.


Meist gibt es einen kurzen Impuls, eine Art Jucken, bevor es losgeht. Das ist Ihr Ausstiegspunkt. Ihn zu bemerken, reicht oft schon, um nicht automatisch mitzumachen.


Vom Urteil zum eigenen Anliegen wechseln.


Statt die Person abzuwerten, benennen Sie, was Sie stört oder brauchen. Aus „Die ist einfach unmöglich" wird „Mich hat getroffen, dass sie mich nicht gefragt hat." Das ist ehrlicher – und führt irgendwohin.


Das Anliegen dorthin bringen, wo es hingehört.


Vieles, was hinter dem Rücken landet, könnte – ruhig und fair – der Person selbst gesagt werden. Das ist unbequemer. Aber es klärt, statt zu vergiften.


Elegant aussteigen.


Sie müssen niemanden belehren. Ein schlichtes „Das kann ich nicht beurteilen" oder ein Themenwechsel genügt. Gespräche, die keine Nahrung bekommen, versiegen von selbst.

Für die nächste Woche

Die Lästerbilanz.


Notieren Sie eine Woche lang, abends in zwei Minuten:


  1. Wann habe ich gelästert oder mitgemacht?

  2. Was war der Auslöser – Ärger, Unsicherheit, Langeweile, Zugehörigkeit?

  3. Wie habe ich mich eine Stunde später gefühlt?


Es geht nicht darum, sich zu verurteilen. Es geht darum, das Muster zu sehen. Die meisten Menschen stellen fest, dass sie seltener aus Bosheit lästern als aus Unsicherheit oder dem Wunsch dazuzugehören. Und genau dort lässt sich ansetzen.

Wann mehr dahintersteckt

Gelegentliches Lästern ist menschlich. Wenn aber Bitterkeit, ständiges Vergleichen und das Bedürfnis, andere kleinzumachen, zum Grundton werden – oft zusammen mit anhaltender Unzufriedenheit –, lohnt ein ehrlicher Blick nach innen.

Häufig richtet sich die Härte, die nach außen geht, im Inneren längst gegen einen selbst. Dann geht es nicht mehr ums Lästern. Dann geht es darum, wie Sie mit sich selbst sprechen.

 Wie wir über andere sprechen, wenn sie nicht dabei sind, verrät wenig über sie – aber viel über uns.

 
 
 

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