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„So bin ich eben." – Vom schlechten Selbstbild loslassen

vor 6 Tagen
4 Min. Lesezeit

Sie bekommen ein Kompliment – und wehren es innerlich sofort ab: „Die meint das nur nett." Sie betreten einen Raum voller Menschen und wissen schon vorher, dass Sie nicht richtig dazugehören. Sie treffen eine Entscheidung, und im Hintergrund läuft ein leiser Kommentar mit: „Das kannst du ohnehin nicht."

So ein Bild von uns selbst tragen wir alle mit uns – eine Art inneres Portrait davon, wer wir sind. Bei manchen ist es freundlich. Bei vielen ist es streng, eng und alt. Und das Zähe daran ist: Es fühlt sich nicht an wie eine Meinung, sondern wie eine Tatsache. „So bin ich eben."


Ein Selbstbild ist eine Geschichte, kein Steckbrief


Was sich wie eine Tatsache anfühlt, ist in Wahrheit eine Geschichte – über Jahre zusammengesetzt, meist schon früh begonnen. Kein Mensch kommt mit dem Satz „Ich bin nicht genug" zur Welt. Er wird gelernt.

Ein Kind, das zu wenig Wärme, Sicherheit oder Zuwendung bekommt, kann nicht denken: „Die Erwachsenen sind gerade überfordert." Für diesen nüchternen Schluss fehlen ihm Reife und Abstand. Also zieht es den einzigen Schluss, der in seiner kleinen Welt Sinn ergibt: „Dann stimmt wohl etwas mit mir nicht." Dieser Satz wandert leise ins Selbstbild – und bestätigt sich danach jahrelang wie von selbst, weil wir vor allem das wahrnehmen, was zu ihm passt.

Ein Selbstbild ist also keine objektive Beschreibung. Es ist eine Geschichte, die wir einmal aus guten Gründen geglaubt haben – und seither weitererzählen.


Warum „einfach positiver denken" nicht funktioniert


Der gängige Rat lautet: Ersetzen Sie das schlechte Bild durch ein gutes. „Ich bin wunderbar." Nur hält ein erzwungenes positives Selbstbild selten. Es muss verteidigt werden, es bricht beim ersten Rückschlag ein – und insgeheim glauben Sie es ohnehin nicht. Sie spielen dann ein Selbstbild, statt in sich selbst zu ruhen.

Fast jeder kennt diese Kluft: „Ich weiß eigentlich, dass ich in Ordnung bin – aber ich fühle es nicht." Das ist kein Widerspruch und kein Mangel an Einsicht. Der Grund ist, dass Wissen und Überzeugung in zwei verschiedenen Schichten liegen. Der alte Satz lebt nicht im vernünftigen, argumentierenden Teil, sondern dort, wo er einst entstanden ist: im Gefühl. Und dort kommen Argumente kaum an. Sie prallen an einer Überzeugung ab, die sich ihrer selbst sicher ist.

Vom schlechten Selbstbild loszulassen bedeutet deshalb nicht es gegen ein glänzendes einzutauschen. Beide sind feste Bilder, die Sie hochhalten müssen.


Loslassen heißt hier nicht, ein besseres Bild zu erzwingen – sondern den Griff zu lockern, mit dem ein altes Bild uns festhält.

Was Loslassen wirklich bedeutet


Echtes Loslassen ist eine leise Verschiebung: weg vom Bild, hin zu dem, der es betrachtet.

Sehen Sie das Bild als Geschichte, nicht als sich selbst. Ein kleiner, aber kraftvoller Unterschied liegt zwischen „Ich bin wertlos" und „Ich habe gelernt, mich für wertlos zu halten." Plötzlich entsteht ein schmaler Raum zwischen Ihnen und dem Satz. In diesem Raum können Sie atmen.

Bemerken Sie, wer da bemerkt. Sie sind nicht das Selbstbild. Sie sind der Mensch, der es kommen und gehen sieht. Das alte Bild ist eher wie ein Wetter, das durchzieht – und Sie sind der Himmel, nicht das Wetter.


Ein kleiner Schritt für diese Woche


Wenn das alte Bild sich in dieser Woche meldet – im abgewehrten Kompliment, im „Ich gehöre nicht dazu", im „Ich kann das nicht" – versuchen Sie einen einzigen, ruhigen Satz: „Ah – da ist wieder das alte Bild."

Nicht, um es wegzudrücken. Nur, um es als Bild zu benennen, nicht als Tatsache. Benennen schafft Abstand. Und Abstand ist der Ort, an dem Loslassen beginnt.

Wenn ein Bild tiefer sitzt


Manchmal ist ein Selbstbild so alt und so tief gefühlt, dass Bemerken und Benennen es zwar lockern, aber nicht wirklich lösen. Das ist kein Versagen. Es bedeutet nur, dass das Bild mit frühen, emotional aufgeladenen Erfahrungen verknüpft ist – gespeichert in einem Netz aus Erinnerungen, Körpergefühlen und Bildern, das der Verstand allein nicht erreicht. Deshalb hilft „Ich weiß doch, dass es nicht stimmt" so wenig.

Genau hier setzt EMDR an – eine Methode, die ihren Ursprung in der Verarbeitung belastender Erlebnisse hat und sich auch für solche alten Überzeugungen nutzen lässt.


Wie EMDR ein altes Selbstbild löst


EMDR streitet nicht mit dem Bild. Es sucht seine Wurzel auf. Behutsam wird die alte Überzeugung – und werden die frühen Szenen, die sie einst genährt haben – wieder ins Bewusstsein geholt. Während Sie diese Erinnerung kurz halten, richtet sich Ihre Aufmerksamkeit gleichzeitig auf eine einfache Bewegung: Die Augen folgen einer Hand hin und her, oder ein sanftes Klopfen wechselt zwischen links und rechts.

Warum das etwas verändert, lässt sich in zwei Bildern sagen: Eine lebendige Erinnerung braucht viel innere Aufmerksamkeit. Teilen Sie diese Aufmerksamkeit, bleibt für die volle Schärfe der Erinnerung zu wenig übrig – sie wird blasser, ruhiger, und in dieser abgeschwächten Fassung wieder abgelegt. Und: Dieses Hin und Her ähnelt dem, was Ihr Gehirn im Traumschlaf tut – jener Phase, in der es emotionale Erlebnisse von selbst verarbeitet und ihnen die Ladung nimmt. EMDR stößt einen solchen Verarbeitungsvorgang an, während Sie wach sind.

Wenn die alten Szenen so ihre emotionale Wucht verlieren und in die Vergangenheit rücken, verliert auch der Schluss, der einst aus ihnen gezogen wurde – „…also bin ich nicht genug" –, seinen Griff. Der neue, wahrhaftigere Satz wird Ihnen dabei nicht eingeredet. Er taucht von selbst auf, wenn sich das innere Netz neu ordnet – und ist erst dann angekommen, wenn er sich wahr anfühlt nicht nur richtig klingt.

Man könnte sagen: EMDR ist Loslassen auf der Gefühlsebene. Kein neues Bild wird erzwungen – das alte wird von dem Gefühl befreit, das es festgehalten hat. (Wie genau dieser Prozess im Gehirn abläuft, ist nicht bis ins letzte Detail geklärt; dass er die Kraft solcher alten Überzeugungen mildern kann, ist gut untersucht.)

Sie wurden nicht mit Ihrem Selbstbild geboren. Das heißt auch: Es muss nicht bleiben, wie es ist.


Sie sind nicht das Bild, das Sie von sich haben. Sie sind der Mensch, der es gerade betrachtet.

 
 
 

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